Montag, Juli 20

Friedrich Merz: Die Bilanz nach einem Jahr im Kanzleramt

0

Friedrich Merz ist seit dem 6. Mai 2025 der zehnte Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland und führt seit Januar 2022 zugleich die CDU als Parteivorsitzender. Der 1955 im sauerländischen Brilon geborene Jurist brauchte damals einen historisch beispiellosen zweiten Wahlgang im Bundestag, um überhaupt ins Amt zu kommen – ein Fehlstart, der bis heute nachwirkt. Gut ein Jahr später kämpft er mit Umfragewerten, die tiefer liegen als bei jedem seiner Amtsvorgänger zu Beginn ihrer Kanzlerschaft.

Friedrich Merz: Ein Politiker mit zwei Karrieren

Wer die Statur des heutigen Kanzlers verstehen will, muss zwanzig Jahre zurückblicken. Merz war nie ein Senkrechtstarter im klassischen Sinn, sondern jemand, der zweimal von ganz vorne anfangen musste. Katholisch geprägt, verheiratet, dreifacher Vater, bis heute in der Nähe seines Geburtsorts verwurzelt – diese Herkunft aus dem ländlichen Westfalen hat ihn nach eigener Aussage stärker geformt als jede Parteikarriere.

Vom Europaparlament in den Bundestag

Mit 33 Jahren zog der gelernte Rechtsanwalt 1989 ins Europäische Parlament ein, fünf Jahre später wechselte er in den Bundestag. Dort machte er sich rasch als scharfzüngiger Debattenredner einen Namen. Von 2000 bis 2002 übernahm er als Nachfolger von Wolfgang Schäuble den Fraktionsvorsitz der Union – bis Angela Merkel ihn verdrängte und die beiden zu jahrelangen innerparteilichen Rivalen wurden.

Die Jahre außerhalb der Politik

2009 zog Merz einen Schlussstrich und verzichtete auf sein Bundestagsmandat. Es folgte ein Jahrzehnt als Wirtschaftsanwalt bei der internationalen Kanzlei Mayer Brown sowie als Aufsichtsrat verschiedener Konzerne, unter anderem als Deutschlandchef des Vermögensverwalters BlackRock. Diese Zeit prägt sein Image als wirtschaftsnaher Konservativer bis heute – und liefert politischen Gegnern regelmäßig Munition.

JahrStation
1972Eintritt in die CDU
1989–1994Mitglied des Europäischen Parlaments
1994–2009Mitglied des Deutschen Bundestages
2000–2002Fraktionsvorsitzender CDU/CSU
2009–2021Rechtsanwalt und Aufsichtsrat, u. a. bei BlackRock
2021Rückkehr in den Bundestag
Januar 2022Wahl zum CDU-Bundesvorsitzenden
Mai 2025Vereidigung als Bundeskanzler

Friedrich Merz als Bundeskanzler: Ein holpriger Start ins Amt

Die Rückkehr an die Spitze der Politik verlief alles andere als geradlinig. Nach dem Wahlsieg der Union im Februar 2025 scheiterte Merz im ersten Wahlgang des Bundestags an der notwendigen Mehrheit – ein Novum in der Geschichte der Bundesrepublik. Erst im zweiten Anlauf am selben Tag stand seine Kanzlerschaft. Der Fehlstart wurde zum Symbol für das, was seither seine Amtszeit begleitet: eine brüchige Machtbasis trotz formaler Mehrheit.

Reformagenda 2026: Rente, Steuern und Bürokratieabbau

Innenpolitisch hat die Regierung seither einiges auf den Weg gebracht. In seiner Regierungserklärung im Juli 2026 zog Merz eine „positive Zwischenbilanz“ der Koalition und verwies auf spürbare Fortschritte bei mehreren Großprojekten:

Rentenreform samt neuer Aktivrente für Menschen im Ruhestand

Reform der gesetzlichen Krankenversicherung

Anpassungen der Einkommensteuer

Maßnahmen zum Arbeitsmarkt und zur Grundsicherung

Infrastruktur-Modernisierung und Entbürokratisierung

Nach Angaben des Kanzlers seien allein zwischen Januar und Juni 2026 mehr als 3.000 neue Unternehmen gegründet worden – fast so viele wie im gesamten Vorjahr. Produktion, Export und Auftragseingänge zeigten erste Erholungssignale, so seine Darstellung vor dem Bundestag.

Außenpolitik unter Merz: NATO, Ukraine und Spannungen mit Washington

Auf internationaler Bühne positioniert sich Merz als Verteidiger einer stärkeren europäischen Eigenständigkeit, ohne die transatlantische Bindung zu kappen. Beim NATO-Gipfel im Juli 2026 stimmte Deutschland dem Kauf von Tomahawk-Marschflugkörpern zu – ein deutliches Signal in der Sicherheitspolitik. Gleichzeitig hat der Kanzler die Verfassung ändern lassen, um milliardenschwere Infrastrukturinvestitionen über Schulden zu ermöglichen – ein Kurswechsel, der mit der traditionellen Haushaltslinie seiner eigenen Partei bricht.

Nicht alles läuft konfliktfrei: Seine Haltung im Gaza-Konflikt, die stark an die Position der USA angelehnt ist, hat für Verstimmung bei europäischen Partnern und in der eigenen Koalition gesorgt. Auch der Umgang mit dem Weißen Haus sorgte zuletzt mehrfach für Reibung.

Zustimmung auf historischem Tiefstand

Die politische Realität ist ernüchternd: Umfragen zufolge billigt nur rund jeder fünfte Bürger die Amtsführung des Kanzlers. Die AfD liegt in mehreren Erhebungen gleichauf oder vor der Union – ein Szenario, das noch vor wenigen Jahren undenkbar gewesen wäre. Beobachter sprechen von einem Kanzler, der „im Schlamm feststeckt“, weil zentrale Reformversprechen aus dem Wahlkampf bislang nicht die erhoffte Wirkung in der Wahrnehmung der Bevölkerung entfalten.

Personalturbulenzen: Kabinettsumbau nach Spahns Rücktritt

Aktuelle Brisanz bringt der Rücktritt von Jens Spahn als Unions-Fraktionschef Mitte Juli 2026. Merz schließt seither einen personellen Umbau der Bundesregierung nicht aus. Gemeinsam mit CSU-Chef Markus Söder will er „relativ bald“ einen Personalvorschlag vorlegen. Im ZDF-Sommerinterview ging der Kanzler zugleich merklich auf Distanz zu seinem ehemaligen Weggefährten – ein Vorgang, der die Nervosität innerhalb der Koalition offenlegt.

Häufig gestellte Fragen (FAQs)

Seit wann ist Friedrich Merz Bundeskanzler?

Friedrich Merz ist seit dem 6. Mai 2025 Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland. Er wurde im zweiten Wahlgang des Bundestags gewählt, nachdem er im ersten Anlauf überraschend die erforderliche Mehrheit verpasst hatte.

Wie alt ist Friedrich Merz und wo wurde er geboren?

Friedrich Merz wurde am 11. November 1955 in Brilon im Sauerland geboren. Er ist damit einer der älteren Kanzlerkandidaten der jüngeren deutschen Geschichte zum Amtsantritt.

Welche Partei vertritt Friedrich Merz?

Friedrich Merz gehört der CDU an, deren Bundesvorsitz er seit Januar 2022 innehat. Zuvor war er bereits von 2000 bis 2002 Fraktionsvorsitzender der Unionsfraktion im Bundestag.

Was hat Friedrich Merz vor seiner Kanzlerschaft beruflich gemacht?

Zwischen 2009 und 2021 war Friedrich Merz nicht politisch aktiv, sondern arbeitete als Wirtschaftsanwalt und Aufsichtsratsmitglied, unter anderem als Deutschlandchef von BlackRock, bevor er 2021 in den Bundestag zurückkehrte.

Mehr lesen: Stephan Hensel